
Covenant
Datum 03.09.2002 20:41 | Thema: Interviews
| Covenant

Kurzinterview zu dem Album "Northern Light"
Der introvertierte, ruhige Charakter von "Northern Light" überrascht schon etwas...
Joakim Montelius: "Es spiegelt unsere Gefühle wider, die wir hatten, als wir das Gros der Songs geschrieben haben. Es war eine Reaktion auf unsere neue Lebenssituation in Berlin. Als wir 'United States Of Mind' aufgenommen haben, waren unsere Lebensumstände völlig anders. Unsere erste Zeit in Berlin war ein Phase der schweren Frustration. Wir wussten nicht, wohin wir gehören und wohin wir gehen sollen."
Es ist recht erstaunlich zu hören, dass "Northern Light" in Berlin entstand, denn seine eisige, introspektive, sehr melancholische Atmosphäre lässt eher Bezüge zu der skandinavischen Heimat erahnen. Es als modernes Folk-Album zu bezeichnen, liegt nahe...
Joakim Montelius: "Es ist typisch für uns melancholische Skandinavier, dass wir vor allem in der Fremde sehr zur Schwermut neigen. Wir haben diesem Gefühl bewusst nachgegeben und versucht, diesmal sehr organisch und natürlich zu klingen, auf alle überflüssigen Gimmicks zu verzichten."
Wenn es eine Parallele in der Covenant-Historie gibt, so zeigt "Northern Light" starke Parallelen zu dem 98er Album "Europa" auf. Wie ich schon in dem Interview zu "Europa" anmerkte, gemahnt vor allen Dingen der Gesang deutlich an die frühen Human League, ist dabei aber weitaus gereifter und emotioneller als vordem...
Joakim Montelius: "Ja, ich erinnere mich an dieses Interview... Diese Parallelen sind auf 'Northern Light' sicherlich noch stärker vorhanden. Wir sind in dieser Zeit aufgewachsen und deshalb haben wir auch gewisse Stilistiken bewusst oder unbewusst in uns aufgesogen..."
Abgesehen von der "Stalker"-Kopie "Call The Ships To Port" bietet "Northern Light" wenig Stoff für die Tanzböden und dürfte einige, nach puren Tanzstoff gierende Fans zunächst irritieren...
Joakim Montelius: "Wir sind mittlerweile selbstbewusst genug, uns darüber keine Gedanken mehr zu machen oder uns gar für irgend etwas zu entschuldigen."
In seinem introvertierten Charme und seiner Melancholie kann "Northern Light" durchaus als Pendant zu dem ebenfalls überraschenden, letzten VNV Nation-Album "Futureperfect" gesehen werden...
Joakim Montelius: " Absolut! Ich sehe diese Parallelen durchaus. Obwohl es ein völlig anderes Album ist, weiß ich, dass sich Ronan Harris sehr große Angst hatte, sein Album könne nicht akzeptiert werden. Wir haben zwar keine Angst, doch wir machen uns schon Gedanken darüber, dass unser neues Album missverstanden werden könnte. Auf der anderen Seite haben VNV Nation mit 'Futureperfect' einen großen Erfolg erzielt - und es ist zweifellos ihr bestes Album."
Steht "Future-Pop" jetzt also für Melancholie und Introspektive anstatt für Tanzbarkeit?
Joakim Montelius: " Vielleicht. Sowohl das VNV Nation-Album als auch 'Northern Light' zeigen, dass zur Qualität geneigt wird. Tanzbare Stücke sind für den Moment, bedeuten Spaß; doch nach einer Zeit langweilen sie dich."
 Diese neue "Ernsthaftigkeit" geht auch konform mit dem konformistischen Image der Band. Schon sehr früh haben sich Covenant für adrette Anzüge, Schlips und Krawatte entschieden und sich damit rein optisch von allen anderen Bands des Genres abgegrenzt. Wie das stark an Kraftwerk gemahnende Cover der September- Ausgabe der Zillo zeigt, ist aber auch diese Image nicht unbedingt neu...
Joakim Montelius: "Im Gegensatz zu Kraftwerk hat das bei uns nichts mit irgendeinem Symbolismus zu tun. Wir tragen diese Anzüge auch privat. Zu Beginn unserer Karriere haben wir die Anzüge noch gegen Bühnenkleidung ausgetauscht. Doch eines Tages fragten wir uns, warum wir das eigentlich tun - und wir behielten die Anzüge an. Die Reaktionen darauf haben wir natürlich registriert. Mitte der 90er war die Szene noch sehr alternativ, gesellschaftsfeindlich und punk-orientiert. In dieser Szene, in der Provokation vornehmlich durch Kleidung formuliert wird, erschien es uns sinnvoll, uns bewusst unprovokativ zu kleiden - und somit die Hardcore-Industrial Szene zu irritieren und letztendlich auch zu provozieren. Doch es ist auch eine Provokation gegenüber den typischen Anzugträgern und Geschäftsleuten. Indem man ihnen ihre Mode 'stiehlt', entzaubert man ihren Status. Mittlerweile sind die Anzüge weit von jeglicher Provokation entfernt. Wir fühlen uns einfach wohl darin."
Eine wirkliche Provokation dagegen ist das für Journalisten bestimmte Vorab-Exemplar des "Northern Light"-Album. Um zu verhindern, dass das Album vor dem Veröffentlichungstermin illegal vervielfältigt wird oder in den Tauschbörsen dieser Welt zu finden ist, kamen die Firmen Epic und Sony auf die grandiose Idee, jeden Song des Albums radikal zu kürzen. Was bei anderen Alben eventuell verwindbar wäre, macht bei "Northern Light" wenig Sinn: Die homogene Atmosphäre des Albums wird durch die unsensiblen Blenden zerstört; zudem besitzt die Mehrzahl der Songs eine sich stetig steigernde Dramaturgie, deren Höhepunkt jenseits der Blende liegt. Coitus Interruptus.
Joakim Montelius: " Das war ein Kompromiss, den wir leider eingehen mussten. Sony ist völlig paranoid und ängstlich. Sie haben so große Angst davor, dass ein Album vor der Veröffentlichung illegal kopiert wird, dass sie es nie und nimmer erlauben würden, das komplette Werk vorab zu veröffentlichen. Eine andere Möglichkeit wäre es gewesen, das komplette Album in einer lausigen Qualität vorab zu promoten - doch das wollten wir noch weniger. So gesehen war die gekürzte Variante die weniger schmerzhafte Alternative. Doch ich kann Deinen Ärger verstehen - und er deckt sich mit den Kommentaren Deiner Kollegen. Am ärgerlichsten ist, dass die wirklich interessanten Dinge in den Passagen passieren, die ausgeblendet wurden. Rückblickend war auch diese Alternative ein großer, schrecklicher Fehler."
Zusammen mit VNV Nation und Apoptygma Berzerek bilden Covenant die Speerspitze dessen, was heute gemeinhin unter "Future Pop" oder - abschätziger - Weiber Electro - verkauft wird. Fühlen sie sich mit diesem Etikett wohl?
Joakim Montelius: " Für mich ist 'Future Pop' ein albernes Etikett. Für mich signalisiert 'Future' nach wie vor Avantgarde, also schweres, experimentelles, unverdauliches Zeug. Doch davon sind wir weit entfernt. Das bedeutet nicht, dass wir Innovationen und Experimenten abgeneigt sind, doch die Zukunft ist 'Future Pop`' definitiv nicht. Wir beziehen uns bewusst auf die Eckpfeiler und Traditionen der elektronischen Musik, ebenso wie VNV Nation oder Apoptygma Berzerk, denen wir uns nach wie vor sehr verbunden fühlen. Wir haben dasselbe Alter und denselben musikalischen Background. Dennoch unterscheiden sich unsere letzten Alben extrem voneinander. Und das ist auch gut so, ist gut für die Szene. Nicht zuletzt deshalb, weil viele junge Bands versuchen, uns zu kopieren. Wenn sie sehen, dass wir uns weiterentwickeln und völlig andere Wege gegen, wird es auch sie inspirieren, nach neuen Möglichkeiten zu suchen."
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