TET - Travailleur En Trance

Datum 09.06.2006 23:08 | Thema: Interviews



TET - Travailleur En Trance

Gibt es sie noch – die wahre, reine Lehre?

In Zeiten, wo EBM als so genannter Crossover oder gar Future Pop daher kommt, ist es gut zu wissen, dass es noch Musiker gibt, die die ureigenen, puristischen Tugenden der zumeist belgischen Pioniere auch heute hochhalten, ohne sich dabei in retrospektiver Nostalgie zu suhlen.
Der Hamburger Musiker CS alias TET - Travailleur En Trance ist so ein Ausnahmeexemplar – sein Album Ultima Ratio Intervention der Beweis, dass EBM auch im Jahr 2006 noch innovativ und spannend sein kann…
CS hat schon eine wechselhafte Karriere hinter sich. Travailleur En Trance wurde bereits 1993 gegründet und bezog sich schon seinerzeit deutlich auf Heroen wie Front 242, Tommi Stumpff oder Front Line Assembly. Mitte der 90er erlahmte sein Interesse am EBM aufgrund des massiven Crossovers zunächst, CS wandte sich mit dem Projekt rotorik dem Intelligent Techno zu, reaktivierte Travailleur En Trance aber schon 2004, um der „New School-EBM“ und dem, wie CS es formuliert, „Trance-Schrott einiger Bands etwas Anständiges entgegenzusetzen.“

Heraus gekommen ist dabei das Album „Ultima Ratio Intervention“ – ein in jeder Beziehung treibendes, vielschichtiges EBM-Werk, dem man deutlich anmerkt, dass der Protagonist die reine Lehre und die Methodik seiner Vorbilder nicht nur inhaliert, sondern auch verstanden und verarbeitet hat, und es mit spielerischer Leichtigkeit schafft, neue Maßstäbe zu setzen.

„Ultima Ratio Intervention“ ist deutlich anzumerken, dass rotorik, sein immer noch bestehendes zweites Standbein in den Gefilden des „Intelligent Techno“, für CS keine verlorene Zeit war, denn die Melange aus Moderne und authentischer, druckvoller EBM ließ hier in der Tat eine hochmoderne EBM-Variante entstehen…

CS: „Es ist schon viel ‚Old-School-EBM’ drin. Allerdings beziehen wir uns im Gegensatz zu vielen anderen weniger auf die frühen 80er Jahre, also Bands wie DAF oder Krupps, sondern eher auf die Musik der zweiten Hälfte der 80er Jahre, also auf Werke, die vorwiegend mit digitalen Klangerzeugern produziert wurden. Wenn man es mit Front 242-Alben ausdrücken möchte, dann wäre das die Phase zwischen ‚No Comment’ und „Tyranny For You’. Das ist die Art EBM, aus der ich auch heute noch schöpfe. Die meisten Musiker aus dem Techno-Bereich mit EBM-Bezug meinen damit meist die frühen 80er Jahre. Von daher unterscheiden wir uns darin deutlich von anderen Bands. Die digitale EBM war immer mein Ding, während ich mit analogen Sounds von jeher weniger anfangen konnte – sicher eine Frage der Prägung. Mit den ganzen Crossover-Bemühungen und den Metal-Gitarren, wie sie in den 90ern aufkamen, konnte ich nun gar nichts anfangen. Für mich war reine Elektronik stets das Härteste, was es gibt – Metalriffs habe ich dagegen nie ansatzweise als hart empfunden. Bei den Krupps war dieser Trend 1991 noch neu und ganz amüsant, was danach folgte, war nur noch ärgerlich. Ich würde jedenfalls nie auf die Idee kommen, auch nur ein Gitarren-Riff zu sampeln und dieses mit Elektronik zu vermengen, um damit ‚Härte’ zu erzeugen. Ab diesem Zeitpunkt war für mich dann also die Underground-Techno-Szene viel interessanter, da diese so lebhaft und spannend war wie einstmals zuvor die EBM-Szene. Doch EBM lässt einen ja nicht los. Wenn man das einmal zelebriert hat, muss man es irgendwann wieder machen. TET - Travailleur En Trance ist heute logischerweise eine Mixtur aus der frühen EBM und den Erfahrungen aus der Techno-Zeit.“

Eigentlich ist es ein sehr ungewöhnlicher Schritt, sich vom Techno wieder hin zur EBM zu bewegen. Bei den meisten Musikern läuft diese Entwicklung genau konträr…

CS: „Nicht unbedingt. Man kann feststellen, dass der Trend in der Clubszene wieder deutlich zur Band geht. Man will langsam nicht mehr nur Knöpfchendrücker mit Laptop sehen, sondern auch mal eine Formation, die richtig loslegt. Mit Strobo-Lights, Drum-Pads, Nebel, harschem ‚Gesang’ und allem, was sonst noch traditionell so dazugehört…“



Das Album „Ultima Ratio Intervention “ in unserem Shop

Der ursprüngliche EBM feiert ja nicht zuletzt aufgrund der zahlreichen Reunions alter Heroen, wie z.B. Nitzer Ebb, derzeit fröhliche Urständ…

CS: „Ich persönlich war von Anfang an etwas enttäuscht von Fixmer & McCarthy. Terence Fixmer ist ja auch jemand, der aus dem Techno-Bereich kommt, doch was er unter ‚aktualisiertem’ EBM versteht, ist nicht unbedingt meine Welt. Die Nitzer Ebb-Reunion jetzt scheint ja auch keine Reunion in dem Sinn zu sein, weil gar kein neues Material veröffentlicht wird.“

Selbstredend ist CS auch kein Freund des „Future-Pop“…

CS: „Für mich ist das weder EBM noch eine Weiterentwicklung davon. Auch in der Techno-Szene gibt es einen interessanten Underground und den Mainstream. Die Art Techno, bei der sich Future-Pop bedient, scheint mir oft erschreckend Dorfdisco-kompatibel. Das hat mit Underground, dem Forschen nach Extremen und Innovationen jedenfalls gar nichts zu tun. Und dieses Forschen war ja eine der Triebfedern und Markenzeichen der EBM der 80er Jahre. Auslösendes Element des Future Pop waren wohl diese ganzen analogen Emulations-Maschinen und ‚Techno-Maker-Programme’, alles wird mit hirnlosen Gestampfe und öden, immergleichen Sounds unterlegt – und fertig ist die neue EBM. Das kann es wirklich nicht sein.“

Die Inflation neuer EBM hat nicht zuletzt auch mit der besseren Verfügbarkeit der Geräte und besseren, billigeren Produktionsmöglichkeiten zu tun…

CS: „Das hat wie alles zwei Seiten. Einerseits ist es sehr schön, dass es heute einfacher geworden ist, Ideen schneller und billiger umzusetzen. Früher haben sich Bands wie The Klinik, Vomito Negro oder Skinny Puppy und Front Line Assembly ja gegenseitig die Geräte ausgeliehen, um überhaupt Musik machen zu können – ein einziger Synth kostete tausende Mark. Heute kann jeder sofort am PC loslegen – doch das Problem ist, dass deshalb heute keiner mehr mit einem minimalen Equipment anfängt, sondern sich viel zu viele Geräte installiert, ohne sich mit denen eingehend zu beschäftigen. Als ich mit TET begann, hatte ich nur einen echten Synthesizer und einen Atari ST als Sequencer, mit der Musik angefangen hatte ich sogar mit noch weniger. Dieses eine Gerät musste man erstmal genau studieren, bevor man damit etwas anfangen konnte. Heute hat man tausende von Plug-Ins und braucht sich anscheinend nicht die Mühe machen, selbst etwas Eigenes zu kreieren und Grundlagen zu verstehen. Natürlich bin ich selbst auch kein Minimal- oder LoFi-Freak, ich liebe es, mit sehr vielen Spuren zu arbeiten und würde nie sagen, man muss auch bei einem Synth bleiben. Aber ohne Grundlagenwissen läuft meines Erachtens nichts.“



„Ultima Ratio Intervention“ ist nicht nur ein Werk in der Tradition ursprünglicher EBM-Werte – mit Daniel B. von Front 242, Claus Kruse von Plastic Noise Experience oder Eric van Wonterghem (Insekt, Sonar, Monolith, Vomito Negro) konnten auch gleich namhafte Vorbilder als Remixer gewonnen werden. Dem gegenüber stehen Mark Hawkins und Dave Tarrida – zwei Remixer aus der Techno-Szene…

CS: „Die Kontakte zu ihnen bestanden schon seit Jahren – wir sind natürlich sehr froh, dass wir Remixer aus eben diesen beiden Lagern gewinnen konnten. Ich hatte teilweise auch schon Remixe für deren Projekte, wie z.B. Sonar gemacht. Dass ich Daniel B. gewinnen konnte, macht mich besonders stolz, denn er macht nur noch selten Remixes. Was den Hamburger Kollegen Claus Kruse angeht, so ist mit weiterer, über Remixes hinausgehender Zusammenarbeit zu rechnen…“

Travailleur En Trance kam denn auch die Ehre zuteil, bei den Konzerten zum 25-jährigen Jubiläum von Front 242 das Vorprogramm zu bestreiten..

CS: „Ich bin Front-Fan seit nun schon fast 20 Jahren. Für mich waren es nicht nur musikalische Helden und Virtuosen, sondern lange Zeit auch immer sehr mythische Gestalten, von denen man lange Zeit ja nicht einmal wusste, wer genau dahinter steckt. Und von denen später einmal persönlich eingeladen zu werden, war wirklich eine große Ehre, zumal wir die einzige Band neben Front 242 selbst bei diesem Event waren, die man als EBM-Act bezeichnen kann – ansonsten war das Rahmenprogramm ja stilistisch breit gefächert.“

Front 242 traten seinerzeit auch unter der Prämisse an, eine europäische Band zu sein und mit EBM eine neue europäische Musik zu kreieren.
Auch Travailleur En Trance definieren sich als „ultra-europäisch“…

CS: „EBM kommt aus Belgien und Belgien liegt schon mal mitten in Europa. Fast alle relevanten EBM-Bands kommen aus Belgien – und wenn man einmal da war, wird einem übrigens schnell klar, dass diese Musik auch nur von dort entspringen konnte. Vieles dort wirkt auf eine unterschwellige Art sehr düster, defekt und morbide. Die belgischen Bands führten die Tradition der deutschen und europäischen elektronischen Musik der 70er Jahre auf eine ganz eigene Art weiter. Mich persönlich hat zudem begeistert, dass fast komplett auf Gitarren im amerikanischen Rock-Sinne verzichtet wurde. Für mich ist EBM immer noch Anti-Rock – was nicht heißt, dass ich persönlich nie Gitarrenmusik höre, nur haben Riffs im EBM nichts verloren, weil das genau den Druck rausnimmt, um den es dabei geht. Und wenn EBM-Bands wie A Split Second oder Neon Judgement Gitarren benutzten, habe ich dies eher als ironisches Statement gesehen, zumal es immer zu sehr eigenwilligen, originellen Mixturen führte. Diese Vielfalt innerhalb eines Genres war auch typisch für die originale EBM. Jede Band hatte ihren eigenen Stil innerhalb des EBM, etwas, das ich bei den heutigen Bands oft nur schwer finden kann. Alles war erlaubt – und jede noch so merkwürdige Spielart wurde sowohl vom Publikum als auch von den Labels akzeptiert.

Während des Crossover-Trends in den 90ern und mit dem Aufkommen von Futurepop ging davon leider vieles verloren. Was Metalgitarren angeht, so war ich damals beispielsweise von Front Line Assembly enttäuscht. Ich fand es faszinierend, dass sie sich als kanadische Band derart Europa zugewandt hatten und dabei gleichzeitig auch noch einen eigenen, genialen EBM-Substil prägten – Hut ab! Leider konnten aber selbst sie 1995 nicht mehr dem Amerikanisierungs-Trend widerstehen, was Ihren damaligen Alben meines Erachtens nicht sehr zugute kam. Aber inzwischen scheint es ja bei ihnen zum Glück wieder aufwärts zu gehen... Bin ich froh, dass zumindest dieser Trend vorbei ist! Jetzt gilt es, den anderen zu überwinden…“

Letzte Worte?

CS: „Der Weg zu Dong ist immer eine höllisch harte Sache! Darüber sollte man sich im Klaren sein.“

„Ultima Ratio Intervention“ ist und bleibt vor allem eines: Ein spannendes, visionäres Werk, das auf einer gewachsenen Tradition fußt. Entdecke es!

www.travailleur-en-trance.org



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