
Alphaville
Datum 10.08.2004 00:03 | Thema: Interviews
|  Marian Gold
Alphaville
Für Viele steht ALPHAVILLE nach wie vor für die frühen Hits ?Big In Japan?, ?Sounds Like A Melody? oder ?Forever Young?, doch nur wenige haben die Tätigkeit von Marian Gold & Co. bewusst verfolgt und somit den immensen Reifegrad dieses Ausnahmekünstlers, der vor wenigen Monaten seinen 50. Geburtstag feiern konnte, in den letzten Jahren erlebt.
Unzweifelhaft Kind der 80er Jahre hat es Marian Gold bisher aus gutem Grund vermieden sich, in welcher Form auch immer, an ein 80er Jahre-Revival zu hängen und stattdessen weiter superbe Alben produziert, die seine künstlerischen Wurzeln zwar nicht verleugnen, ihn dennoch als einen der besten Sänger und Songwriter dieses Landes ausweisen.
Dementsprechend fällt sein Resümee zu 20 Jahren Alphaville aus?
Marian Gold: ?Das Jubiläum trifft mich eigentlich etwas unerwartet, denn als ich mit Alphaville angefangen habe, hätte ich nicht gedacht, es derart lange zu machen. Es gibt eine Sache, auf die ich sehr stolz bin ? und das ist die Tatsache, dass sich meine Einstellung gegenüber der Musik und die Gründe, warum ich Musik mache in den letzten 20 Jahren nicht geändert haben. Ich denke, das ist künstlerisch gesehen mein größter Erfolg. Ich habe mir meine Integrität bewahrt.?
Doch gerade die späteren Werke wie ?Prostitute? oder auch die beiden ?Dreamscapes?-Boxen beinhalten Juwelen, die die bekannten Hits bei weitem übertreffen ? leider ohne den gewünschten Erfolg.
Marian Gold: ?Dies ist ein ganz natürlicher Prozess, obwohl meine Einschätzung der Frühwerke etwas anders ist als die Deine. Es gibt einen roten Faden zwischen allen Alben, weil sie allesamt Experimente in eine neue Richtung waren. Und gerade bei Liveauftritten gibt es für mich keinen großen Unterschied. Selbst wenn wir ein Stück wie ?Sounds Like A Melody? spielen, das ich seinerzeit wirklich gehasst habe. ?Sounds Like A Melody? hatte ein wirklich großartiges, ambitioniertes orchestrales Arrangement, das für die damalige Zeit recht ungewöhnlich war, gerade wenn man bedenkt, dass es für den Diskothekeneinsatz ausgearbeitet wurde. Dennoch hat es funktioniert. Wenn man sich dann anderen Themen zuwendet, die nicht mehr so leicht zu kommunizieren sind, muss man sich damit abfinden, dass man nicht mehr ganz so viele Leute erreicht. Es kommt darauf an, wie viel es dem Künstler selbst wert ist ? natürlich mit der Hoffung und dem Glauben, wieder an alte Erfolge anzuknüpfen. Doch solange es mir Spaß macht, in unbekannte Territorien vorzudringen, habe ich immer noch die Legitimation, mit Alphaville weiter zu machen.?
 Ecki Stieg, Marian Gold
Was waren die größten Fehler, was die Highlights der letzten 20 Jahre? Marian Gold: ?Natürlich habe ich jede Menge Fehler gemacht ? und es gibt massenweise Highlights. Die Fehler sind eigentlich langweilig, weil es so einzigartige Situationen sind wie eben auch die Highlights. Highlights sind deshalb welche, weil sie unwiderholbar sind. Man kann zwar Andere erleben, aber es sind nie dieselben. Mit den Fehlern verhält es sich ebenso. Die Fehler, die man sich merkt, wird man später vermeiden. Das Improvisationstalent, in jedem Moment seines Lebens auf Situationen einzugehen, die Gunst der Stunde der nutzen ist eine Übung, die man sich im Laufe seines Lebens aneignen kann. Das bringt viel mehr, als wenn man ständig seine Historie aufarbeitet. Wenn ich Highlights konkret benennen möchte, dann sich der Moment, als wir das erste Mal Nummer 1 in den Charts waren oder mit relativ wenig Erfahrung eines unserer ersten Konzerte in Beirut direkt nach dem Bürgerkrieg geben haben. Wir waren eine der ersten deutschen Bands, die sich da hin getraut hatte ? und das war ein bewegender Auftritt. Vor allen Dingen der Moment, als wir ?Peace On Earth? gespielt haben. Selten hat die Band so gut zusammen gearbeitet, es war wirklich ergreifend.?
Und die Fehler?
Marian Gold: ?Natürlich kann man Scheißstücke schreiben, dennoch gibt es im künstlerischen Bereich meiner Ansicht nach keine wirklichen Fehler, weil selbst diese vermeintlichen Fehler der Entwicklung dienen. Es gibt Dinge, die ich heute dennoch anders machen wurde. Als ich mein erstes Solo-Album ?So Long Celeste? veröffentlicht habe, war die Plattenfirma Warner an einer Veröffentlichung in den USA sehr interessiert ? allerdings unter der Bedingung, dass ich die Platte noch mal komplett neu produziere. Das war für mich damals ein Eingriff in meine künstlerische Integrität, habe abgelehnt ? und das Album ist in Amerika nie erschienen. Und das bedauere ich heute schon ein wenig.?
Die letzten Aufnahmen von Alphaville hingegen sind Demoaufnahmen, fast nur Skizzen, die aber gerade aufgrund ihres rauen, unfertigen Charmes und ihrer Intimität überzeugen können: Die auf nur 2500 Exemplare limitierte 4-CD-Box ?Crazyshow? ist ein Füllhorn von Kleinoden und perfekten Songs, das zugleich den immensen künstlerischen Radius Marian Golds von Paul McCartney bis hin zu Klaus Schulze demonstriert.
Marian Gold: ?Die verhältnismäßig geringe Auflage und der Umfang des Projekts ?Crazyshow? sind eng miteinander verknüpft. Der Überlegungsansatz war der, dass wir unsere nächste Produktion konsequent nur über das Internet veröffentlichen und die einzelnen Stadien der Produktion auch dokumentieren. Das hat dann auch dazu geführt, dass wir neue Stücke direkt ins Netz gestellt haben, ohne sie einer größeren Kontrolle zu unterziehen. Und genau für die Leute, die diesen Prozess verfolgt haben, wurde die Box ?Crazyshow? gemacht ? natürlich in einem etwas größeren und aufwendigeren Rahmen, den man in dieser Form nur in einem limitierten Rahmen machen kann. Musik zu machen ist immer eine Expedition ins Unbekannte ? und diesmal wollten wir all diejenigen, die es interessiert mitnehmen auf der Reise auf unserer Santa Maria.?
 Marian Gold
Gerade der spartanische Democharakter vieler Songs besitzt einen größeren Reiz als die großen, vermeintlich ?perfekten? Produktionen.
Marian Gold: ?Das ging mir selbst auch bei anderen Künstlern so, die ich bewundere. Ich fand es immer sehr faszinierend, wie viel Seele gerade in den embryonalen Rohfassungen einiger Songs gesteckt hat ? oft weitaus mehr als in den fertigen, polierten und groß produzierten Versionen. In den Demoversionen steht die Seele im Vordergrund; die Kleider, die der Song trägt sind sehr spärlich, man kann in das Stück sehr gut hineinschauen. Die fertig produzierte Fassung dagegen ist oft ein Model oder Dressman ? und man muss schon ein wenig wühlen, um wieder an den Kern zu gelangen. Die beste Möglichkeit, sich von dem Stück zu entfernen ? und sich ihm gleichzeitig wieder anzunähern, ist, dass man es so oft wie möglich live spielt und es immer wieder neu interpretiert.?
Die auf ?Crazyshow? zu hörende editierte Fassung des Titelstücks ist auch Grundlage des ersten gemeinsamen Albums, das Marian Gold mit seinem alten Freund und Mentor Klaus Schulze (seines Zeichens auch Produzent des klassischen Alphaville-Albums ?The Breathtaking Blue?) aufgenommen hat. ?Dancing On The Roof Of Your Mind? ist der Name des Werks, auf dem Marian Gold als facettenreicher, komplett improvisierender Sänger über den elegischen Soundscapes von Schulze zu hören ist ? und das bis heute leider unveröffentlicht blieb.
Marian Gold: ?Klaus und ich arbeiten immer in einer kompletten Kooperation, die absolut demokratisch ist und mir immer sehr viel Spaß macht. Von dem Album ?Dancing On The Roof Of Your Mind? gibt es zwar eine Demo-Version, aber es ist noch längst nicht fertig. Doch sowohl für Klaus auch als für mich ist diese Zusammenarbeit eine totale Befreiung aus den eigenen Schneckenhäusern. Das gilt für mich gesanglich, aber auch für Klaus, denn seine Musik klingt in unserer Zusammenarbeit immer ein bisschen anders als die, die man normalerweise von ihm kennt. Normalerweise muss man sich immer aufeinander einstellen und Abstriche machen ? nur wenn wir zusammen arbeiten, ist es eher umgekehrt. Wir befreien uns gegenseitig von den Zwängen, die wir uns sonst selbst auferlegen.?
 Ecki Stieg, Marian Gold, Klaus Schulze
Am 29. August werden Alphaville ihr 20jähriges Jubiläum im Tipi Berlin live feiern.
Was darf man erwarten?
Marian Gold: ?Keine Ahnung. Auf jeden Fall jede Menge Überraschungen. Der größte Block wird ein schönes Alphaville-Konzert werden, das aber etwas anders aussehen wird, als bisher gewohnt. Es wird eine große Party sein, die Band wird sich nicht in Backstageräumen verstecken, sondern wir werden mit unserem Publikum feiern. Völlig ungezwungen, locker ? und mit jeder Menge Gästen. Ich würde mir wünschen, wenn es so unroutiniert wie möglich abläuft, mit allen Leuten, die uns in den letzten 20 Jahren begleitet haben.?
homepage: http://www.alphaville.de
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