| Essay : Zillo-Podiumsdiskussion auf dem WGT 1998 | ![]() |
Teil 2
"Kraftwerk haben das Model gecovert ? Das Geschichtsbewußtsein der Gothic-Szene"
Wie die Headline schon vermuten läßt, ging es beim zweiten Thema der Podiumsdiskussion um teilweise bizarre Mißverständnisse, die auf das mangelnde Geschichtsbewußtsein, bzw. die schiere Unwissenheit innerhalb der Szene zurückzuführen ist.
Die Faulheit und das Desinteresse, nach historischen Wurzeln und Zusammenhängen zu forschen ist zwar ein globales Problem der 90er Jahre, doch gerade in der Elektro/Gothic-Szene besonders eklatant.
Die Frage, inwieweit es für eine Szene heilsam ist, konservativ mit Scheuklappen im eigenen Saft zu schwimmen und die unmittelbare Erlebniswelt als das "Nonplusultra" zu feiern stand ebenso im Mittelpunkt wie die Rolle der Medien, die sich - gerade im Wave ? und Gothicbereich - stets auf dem schmalen Grad zwischen Fanzine und kritischem Fachmagazin mit Anspruch und Kritikfähigkeit bewegen....
Welche Aufgabe habe Szene-Magazine? Sollen sie vornehmlich die aktuellen Trends reflektieren oder aber auch historische Bezüge herstellen und auf Stile außerhalb des Genres verweisen?
Aus dieser Frage heraus entwickelte sich schnell eine etwas abschweifende, dennoch interessante Diskussion über die künstlerischen Möglichkeiten, innerhalb und außerhalb des Genres Gehör zu finden sowie über das Konsumverhalten innerhalb der Szene.
Bruno Kramm:
Das Problem ist, daß es kaum professionelle Musikjournalisten gibt und es muß die Frage gestellt werden, wer oder was in dieser Szene ein professioneller Musikjournalist ist!
Martin Sprissler:
Ein Magazin sollte in erster Linie informieren. Wer allerdings die Reviews liest, der weiß, daß der Schreiber einen subjektiven Standpunkt hat. Man liest, wer es geschrieben hat und weiß mittlerweile, daß dieser Name für eine bestimmte Musikrichtung steht. So gibt es viele unterschiedliche Minderheiten innerhalb der Szene und es liest keiner das ganze Magazin. Diese Illusion kann kein Redakteur haben.
Ecki Stieg:
Das Problem, das ich bei vielen Kritiken habe, ist nicht ihre Subjektivität, sondern daß die Schreiber oftmals Querverweise zu Bands machen, die sie aufgrund der haarsträubenden Parallele gar nicht kennen können. Pures Namedropping also. Natürlich ist es leichter für jemanden wie mich, der die 70er und 80er Jahre intensiv miterlebt hat, Bezüge zur Vergangenheit aufzuzeigen. Gerade in der Wave ? und Gothic-Szene sollte man annehmen, daß die Leute wüßten, daß es auch schon vor Depeche Mode elektronische Bands gab. Doch leider wird zu oft mit Schlagworten um sich gehauen, alles dreht sich im Kreis, es gibt 3 oder 4 namhafte Bands, mit denen der Rest verglichen wird ? und dann ist eigentlich auch schon Schluß...
Michael Mertens:
Prinzipiell hast Du recht, doch ich möchte auch mal die nachwachsenden, jungen Kollegen ein bißchen in Schutz nehmen, die 18 oder 19 Jahre alt sind, gerade in die Szene reinkommen und auch eine kleine journalistische Ader haben. Wie sollen die über Bands berichten, die 20 oder 30 Jahre alt sind? Klar, wenn Du ein ausführliches Special machst, mußt Du Dich informieren. Doch Du kannst Dir nicht in kurzer Zeit einen Überblick über 20, 30 Jahre Musikgeschichte verschaffen. Wie soll man da vorgehen?
Ecki Stieg:
Das ist eher eine emotionale denn eine journalistische Haltung. Wenn man zeitgemäße Musik hört und sie toll findet, dann möchte man auch irgendwann wissen, wo es noch mehr davon gibt ? auch in der Vergangenheit ? und wo diese Musik ihren Ursprung hat.
Es ist ein Suchen und Forschen, das einfach mit Fangeist zu tun hast. Musik kommt ja nicht aus einem luftleeren Raum. Es gibt immer Wurzeln und Vorbilder. Und die gilt es zu entdecken.
Stefan Herwig:
Das Problem liegt für mich in dem angeblich mangelnden Geschichtsbewußtsein ? sei es in der Presse oder beim Publikum. Es mag sich konservativ anhören, doch das liegt daran, daß mit der Zeit bestimmte Werte verloren gegangen sind.
Eine Band wie Skinny Puppy hat einen ganz anderen Background wie z.B. eine Band wie Pierrepoint. Skinny Puppy hatten Visionen und Anspruch, Pierrepoint, die 10 bis 12 Jahre jünger sind, denken nur, daß es sich cool anhört und einfach die Samples benutzen. Leider gibt es Labels, die so dumm sind, das zu veröffentlichen ? und leider gibt es Magazine, die so dumm sind zu schreiben, daß diese Musik genauso toll ist, wie die von Skinny Puppy.
Bruno Kramm:
Wenn Du die Verkaufszahlen beider Bands siehst, wirst Du aber sehen, daß das Publikum durchaus fähig ist, zu unterscheiden, was das Original ist und was die Kopie!
Stefan Herwig:
Aber die Presse anscheinend nicht!
Ecki Stieg:
Das Publikum auch nicht. Es gibt da teilweise massive Geschichtsverwischungen! Das Zitat "Kraftwerk haben ?Das Model? gecovert" ist übrigens ein Originalzitat, von einem jungen Fan, der zwar Rammstein kennt, aber von Kraftwerk zuvor noch nie etwas gehört hat...!
Bruno Kramm:
Soweit brauchst Du gar nicht zurückgehen. Schau Dir doch nur mal an, wie Oomph! in der Bravo beschimpft wurden, sie würden eine Kopie von Rammstein sein. Da zieht?s Dir doch wirklich den Stecker raus! Und das hat ganz einfach damit zu tun, daß sich viele Journalisten gar nicht damit auseinandersetzen. Doch das Argument, daß die alten Journalisten mehr Ahnung haben und mehr Stile kennen, zieht für mich aber auch nicht ganz, denn denen fehlt oft der Blick nach vorne. Gerade in der Szene gibt es immer neue Bewegungen, die von diesen alten Journalisten gar nicht mehr nachempfunden werden können. Darum ist es auch etwas eindimensional zu sagen, daß die Zunft der neuen Schreiber, die direkt aus der Szene kommen, automatisch schlecht ist.
Ecki Stieg:
Einige werden mit den Jahren ja auch besser. Trotzdem erlebt man es immer wieder, daß auf neue Trends stets unreflektiert angesprungen wird und alte Liebschaften nur halbherzig gepflegt und vertieft werden. So kommt es oft zu fatalen Fehleinschätzungen.
Martin Sprissler:
In diesem Fall ist der Redakteur falsch eingesetzt.
Stefan Herwig:
Nein, das Problem ist vielmehr, daß eine Gothic-Platte von dem Chefredakteur nur Leuten zur Rezension gegeben wird, die sowieso auf diese Musik stehen. Und so kommen nur gute Rezensionen dabei heraus. Die Kritik sollte aber jemand schreiben, der die Musik zwar versteht, der weiß, um was es geht, der sie aber nicht zwangsläufig gut findet, nur weil die Band den gleichen Sound hat wie die Sisters Of Mercy oder Christian Death.
So steht dann unter 15 Rezensionen pro Monat: ?Diese Platte darf in keinem Plattenschrank fehlen!?
Bruno Kramm:
Und wer glaubt das?
Stefan Herwig:
Genau das ist das Problem. Es gibt gar nicht so viele essentielle Platten. Da kommt pro Monat vielleicht eine raus, manchmal auch gar keine. Doch ich als Schreiberling, der die Platten umsonst bekommt, kann es ja schreiben. In den Magazinen stehen mittlerweile 80 bis 100 Kritiken drin ? wenn man die alle kauft, wären das 3600,- DM pro Monat.
Martin Sprissler:
Ich finde diese Vielfalt, die wir mittlerweile haben aber auf jeden Fall sinnvoll. Und ich bin nach wie vor der Meinung, daß sich jeder sein eigenes Bild machen kann.
Ecki Stieg:
Doch der gemeine Elektro ? und Gothic-Fan ist mittlerweile genau konservativ, wie der Phil Collins-Fan. Man akzeptiert nur das, was man kennt und es muß auch optisch und akustisch szenegerecht präsentiert werden. Stimmt es nicht, fällt der Künstler durch.
Aus diesem Grunde bewegt sich alles nur im Kreis, es wird kaum etwas außerhalb des Genres akzeptiert und nur aus der eigenen Geschichte, die ja nun auch nicht sehr groß ist, zitiert.
Bruno Kramm:
Doch das machen doch alle Szenerien. Es gibt nur wenig Individuen, eine Szene ist keine amorphe Masse und es gibt nur wenige, die sich wirklich weiterentwickeln.
Und diejenigen, die sich im Kreis drehen, werden irgendwann auch wieder aussteigen.
Ecki Stieg:
Doch die künstlerische Entwicklung innerhalb der Szene wird gerade dadurch gehemmt!
Bruno Kramm:
Die wird doch nicht gehemmt! Die Szene verändert sich doch ständig!!
Ecki Stieg:
Wenn sich die Band aber schneller verändert, bzw. entwickelt als die Szene, wird es schon ein Problem. Eine Band wie The Cain Principle z.B. hat 3 sehr szenegerechte, dunkle Elektro-CD?s aufgenommen. Auf dem 4. Album, das zweifellos ihr musikalisch bestes ist, haben sie es nicht nur gewagt, poppiger zu klingen, sondern auch noch Rhythmen a la Massive Attack einzusetzen. Mit dem Ergebnis, daß das Album ein Flop wurde. Selbst wenn man nur Nuancen verändert, fällt man durch. Auf der anderen Seite hat dies Album auch den potentiellen Massive Attack-Fan nicht erreicht, der The Cain Principle wahrscheinlich noch heute für eine Düsterband hält.
Martin Sprissler:
Trotzdem finde ich, daß nichts individueller ist, als unsere Szene. Allein, wie sich die Leute kleiden, das sieht bei jedem anders aus. Und die musikalische Vielfalt ist ebenso groß. Es bleibt die Frage, wie man neue Bands publik machen kann und den Leute ermöglicht, reinzuhören. Und es bringt auch nichts, wenn die Magazine die schlechten CD?s rezensieren.
Ecki Stieg:
Doch eine Band, die sich nicht deutlich zur Szene bekennt, aber vom Anspruch und von der Attitüde her durchaus in sie hineinpassen würde, wird nicht in dem Maße akzeptiert wie jemand, der sagt ?Ich liebe Euch alle?.
Stefan Herwig:
Diese Haltung und dieser Konservatismus ist auch der Grund, warum unsere Szene in anderen Magazinen gar nicht mehr ernst genommen wird. Versuch mal ein Elektrothema in ein Techno-Magazin zu kriegen. Im Gothic-Bereich ist das noch viel drastischer. Für die meisten ist das altbackene 80er Jahre- Musik. Weil die Szene eben nicht offen ist für äußere Einflüsse werden wir von der Presse und von Medien wie MTV oder Viva nur noch belächelt.
Ein anderes Problem ist für mich als Marketingmensch, daß ich die Platten auch verkaufen will ? und die Band ja auch. Darum bringen wir das erste Album einer Band gar nicht mehr zur Presse, sondern erst das zweite. Die erste geben wir nur den Clubs, darum muß die Band auch an einem Stück arbeiten, das ganz bestimmte Strukturen aufweist, damit der DJ es auch spielt. Und das funktioniert.
Ecki Stieg:
Das ist künstlerische Inzucht, denn nur die Band wird Erfolg haben, die diese Schemata erfüllt ? und es wird dennoch keine Breitenwirkung haben. Ein Gegenbeispiel wäre ein Album wie "Ray Of Light" von Madonna. Wäre dieses Album ein Debut auf einem Independent-Label, würde jeder in der Szene jubeln und sie in die ?Heavenly Voices?-Kategorie stecken. Doch nur weil es Madonna ist, wird es abgelehnt. Das hätte es in dem Maße in den 70er oder 80er Jahren nicht gegeben. Damals haben sich die Szenen noch untereinander befruchtet. Heute gibt es nur noch Superstars wie Phil Collins und Tina Turner an der Spitze, kaum mehr ein Mittelfeld und viele kleine zersplitterte Szenen, die allesamt in ihrem eigenen Saft schmoren.
Bruno Kramm:
Dennoch gibt es heute eine Vielfalt, von der man vor 15 Jahren nur träumen konnte. Es gab keine szeneübergreifenden Magazine, es gab kein Wave & Gotik-Treffen. In anderen Ländern ist die Szene auf dem Stand der unseren vor 15 Jahren. Das liegt auch daran, daß hinter der Szene hierzulande eine mittlerweile gut funktionierende Marketingmaschinerie steht. Und auch als kleine Band hast Du heute weit mehr Möglichkeiten, ein Album zu veröffentlichen.
Ecki Stieg:
Das ist gut, aber auch schlecht, weil viele Bands heute zu vorschnell ein Album veröffentlichen. Gerade mit dem heutigen elektronischen Equipment ist es sehr einfach, eine Platte auf soundtechnisch internationalem Niveau zu produzieren. Nur künstlerisch sind die meisten Bands bei ihren ersten Produktionen noch nicht so weit. Darum wird der Markt mittlerweile auch von so viel Müll überschwemmt.
Bruno Kramm:
Man sollte nicht soviel Angst davor haben, daß diese Szene zu wenig kreative Impulse hat. Man muß nur ab und zu über den Tellerrand in andere Szenerien schauen, wenn es zu langweilig wird.
Ecki Stieg:
Genau diese Verquickung fehlt mir ja!
Bruno Kramm:
Das ist doch das Phänomen der 90er schlechthin. Es wird heute mehr Cross-Overmusik gemacht als je zuvor. Metal und Gothic, zwei Stile, die sich zuvor spinnefeind waren, sind zusammengegangen und der Elektrobereich läßt sich vom Hip-Hop beeinflussen. Da passiert einfach was!
Martin Sprissler:
Die Vermischung bringt die Vielfalt. Damit ist der Inzest doch beendet.
Ecki Stieg:
Richtig und doch falsch, denn wie immer gibt es auch in diesen Bereichen ein paar wenige innovative Protagonisten, wie z.B. die Nine Inch Nails, deren Crossover von zahllosen Bands nur blind kopiert wird, anstatt Individualität zu zeigen. Sämtliche Crossover-Spielarten sind viel zu statisch und es passiert viel zu wenig.
Steve Naghavi:
Das Hauptproblem ist nicht die Szene, sondern der persönliche Geschmack von medialen Arbeitern und Journalisten.
Dieser Geschmack spielt immer noch die wichtigste Rolle. Ein ca. 50jähriger Mensch, der heute beim ?Musikexpress? sitzt, und die Elektro ? Gothic-Szene vernachlässigt, ist mit den Rolling Stones aufgewachsen. Doch diese Leute haben das Sagen und die ganzen anderen Schreiber unter sich. Ein Gegenbeispiel wären And One. Wenn der zuständige Redakteur der Viva-News kein And One-Fan wäre, wären wir kaum so oft auf Viva gelaufen.
Darum ist es wichtig, daß die ganzen Elektro ? und Gothicbands einfach weiter machen und vor allen Dingen live auftreten, dann wachsen auch die Zeitungsmacher und Rundfunkredakteure von morgen mit. Und die stehen dann hinter uns![/size]

















