| Essay : Zillo-Podiumsdiskussion auf dem WGT 1998 | ![]() |
Zillo-Podiumsdiskussion auf dem WGT 1998
![]() | Zum Thema "Gothic" ist schon viel geschrieben worden. Viel zuviel, sagen die einen, viel zu wenig diejenigen, die noch neu in der Szene sind, bzw. die "schwarze Szene", der bis heute ? Gott sei Dank! ? ein allgemeingültiges Etikett fehlt, eher von außen mit Interesse betrachten und sich in den diversen Stil ? und Spielarten nicht zurecht finden, geschweige denn eine einheitliche Philosophie und Ausrichtung erkennen können. |
Zum Thema "Gothic" gab es schon zahlreiche Diskussionen, Artikel und Foren.
Griffige Schlüsse, Antworten und Ergebnisse haben die wenigsten gebracht.
Die auf Einladung und Initiative der Zeitschrift "Zillo" stattgefundene Podiumsdiskussion am 30. Mai 98 in der Moritz-Bastei im Rahmen des "7. Wave & Gotik"-Treffens in Leipzig hat keine neuen Manifeste produziert.
Daß dieses Forum aber nicht zu der sonst üblichen Nabelschau der Eitelkeiten und Platitüden geriet oder zu dem sonst üblichen, erlahmenden Frage/Antwort-Spiel verflachte, ist nicht zuletzt der intelligenten und kontroversen Argumentation der Podiumsgäste, sowie des aufmerksamen, konstruktiv teilnehmenden Publikums zu verdanken.
Als Diskussionsleiter ging es mir in erster Linie um zwei Dinge: Es sollten Fragen behandelt werden, die direkt auf das Selbstverständnis und Innenleben der "Gothic"-Szene abzielen, zudem sollte "unsere Szene" im Kontext anderer Szenen und als Teil des globalen kulturellen Gebildes beleuchtet werden.
Bestückt war diese Runde mit wortgewandten Künstlern und Medienvertretern, die allesamt schon seit Jahren erfolgreich in der Gothic ? und Elektroszene tätig sind: Michael Mertens und Joe Asmodo (Zillo), Felix Flaucher (18 Dummers/Silke Bischoff), Bruno Kramm (Das Ich) Stefan Herwig (Dependent, seinzeit Off Beat), Martin Sprissler (Gothic-Magazin), Steve Naghavi (And One)
Die Diskussion wurde in 4, thematisch recht unterschiedliche Themenbereiche aufgegliedert, die im Gespräch dennoch teilweise ineinander flossen, was nicht zuletzt den "roten Faden" dieses für alle Beteiligten spannenden Wortwechsels spricht...
Teil 1
Sex, Lügen und Audio....!
Provokation und Kommerz in der Gothic-Szene
Klappern gehört zum Handwerk. Eine alte Binsenweisheit, die auch in der Gothic-Szene und dem Geschäft mit dieser Kunst und Musik beherzigt wird. Durch die massive, zunehmende Präsenz der S/M-Artisten wurde das Genre zweifellos mit einer bisher weniger vorhandenen "erotischen" Komponente angereichert.
Allerdings stellt sich nicht nur für den oberflächlichen Betrachter mittlerweile die Frage, inwieweit der äußerliche Reizfaktor eine eventuelle künstlerische Aussage und Anspruch verdeckt, wenn nicht gar ersetzt. Statements und Werbestrategien werden zusehends plakativer, so daß die Frage gestellt werden darf, worin sich einige Kampagnen der "Gothic-Szene" von denen einschlägiger Erotik-Versandhäuser überhaupt noch unterscheiden.
Oder anders gefragt: Gibt es eine eigenständige, zu definierende Ästhetik in der Szene? Wie weit darf die Provokation gehen? Ist es noch möglich, überhaupt zu provozieren?
Aufhänger war die Anzeige des neuen Umbra Et Imago-Albums "Machina Mundi", um das mit einem baren Frauenbusen und der Headline "Wir bringen auch diese Brüste zum Wippen" geworben wurde.
Wie Ihr lesen könnt, ging es nicht nur um Fragen der Provokation, Gewalt und Sex, sondern auch um Image, die Darstellung innerhalb der Szene, sowie die Rolle der Medien....
Stefan Herwig:
Hier wird eine bestimmte Tendenz auf die Spitze getrieben. Ich habe nichts gegen Provokation, Sex und nackte Brüste, doch ich finde es bedenklich, wenn eine Szene, die vorgibt, nicht 100% kommerziell orientiert zu sein, solche Elemente benutzt, nur um mehr Platten zu verkaufen. Diese Anzeige ist allerdings nicht das einzige Beispiel. Ein ähnliches Prinzip, allerdings in einer viel subtileren Art läßt sich ja auch bei Silke Bischoff finden.
Hier wird z.B. unterschwellig und ästhetisiert das Thema Gewalt behandelt....!
Felix Flaucher
Es ist schon richtig, daß ich mit Provokation, Sex und Gewalt spiele. Es gibt viele Leute, die uns Gewaltverherrlichung vorwerfen und daß das ein ganz gefährliches Spiel ist. Diesen Vorwurf würde ich sogar gelten lassen, denn man gewöhnt sich an diese Dinge. Andererseits könnte ich weder Texte schreiben, noch fotografieren, wenn ich ständig eine Schere im Kopf hätte. Die Konsequenz wäre "political correctness". Und dann wäre es nur ein Job und ich könnte nicht mehr spielerisch mit den Elementen umgehen.
Ecki Stieg
Ich denke, das ist auch der Punkt. Wenn der künstlerische Anspruch, die Kreativität und nicht der Verkauf im Vordergrund steht, ist es egal, was man macht.
Und oftmals darf man Dinge nicht zu schnell auflösen. Hätten Laibach oder DAF, die ständig im Verdacht waren, Rechtsextremisten zu sein, zu Beginn ihrer Karriere gesagt hätten: "Nein, wir sind keine Nazis", dann hätte das semantische Spiel, hätte die ganze Diskussion nicht stattgefunden. Und beschäftigt man sich mehr mit diesen Gruppen, wird man sehr schnell herausfinden, daß es eben keine Nazis sind. Darum halte ich auch diese Provokation für legitim.
Bruno Kramm
Diese ganze Provokation ist ja auch eine Bedürfnisbefriedigung. Viele Leute in der Szene lieben diese Themen und diese Aufmachung. Es entscheidet letztendlich der Käufer, der darauf einsteigt, oder nicht. Darum ist es auch falsch, die Promotion zu kritisieren, auch wenn die manchmal übers Ziel hinaus schießt.
Stefan Herwig
Natürlich bin ich dagegen, künstlerische Werke zu beschneiden, doch was oft fehlt ist die Angemessenheit der Mittel. Man sollte diese Mittel nur dann benutzen, wenn es das künstlerische Thema auch hergibt. Wenn man z.B. Gewalt und Sex verwendet, dann nicht nur deshalb, um Aufsehen zu erregen. Einer Band wie Die Form z.B., die schon seit Jahren in der Fetisch-Szene zu Hause ist, nehme ist so etwas ab. Doch Bands jüngeren Datums wie Call oder Gothic Sex , die das nur kopieren, reiten nur auf dieser Masche. Und wenn ein Künstler wirklich subtil mit diesen Dingen arbeiten möchte, interessiert das niemanden mehr ? und er ist gezwungen, zu härteren Kalibern zu greifen.
Felix Flaucher
Echtes Töten z.B....!
Bruno Kramm
Heute kriegst Du doch weitaus Schärferes präsentiert, wenn Du das Fernsehen zur normalen Tageszeit einschaltest. Kleine Kinder können sich dort jederzeit die übelsten Sachen angucken. In der Szene kann man eigentlich schon davon ausgehen, daß die Leute erwachsen und vernünftig genug sind, um sich mit solchen Themen auseinanderzusetzen.
Ecki Stieg
Das ist doch auch das Problem. Gerade weil Gewalt und Sex so präsent sind und gerade weil der Wettbewerb immer härter wird, kann es sich kaum noch jemand leisten, subtil mit diesen Mitteln zu arbeiten. Je plakativer es ist, desto besser verkauft es sich auch. Jeder Wolfgang Petry-Fan hat mittlerweile auch ein Rammstein-Album in seiner Sammlung stehen. Also wo ist da der Ansatz...?!
Stefan Herwig
Man sollte Gewalt und Sex eher thematisieren, anstatt sie zu verherrlichen so wie es eine Band wie SilkeBischoff tut . Man sollte darüber nachdenken können und den Fan nicht einfach damit konfrontieren. Das ist der große Qualitätsunterschied. Die einen zeigen diese Dinge, die anderen stellen sie dar. Das erstere ist Kommerz, das zweite ist Kunst.
Felix Flaucher
Ich glaube, es ist sehr schwer, das auf den Punkt zu bringen. Gerade in der S/M-Szene z.B. ist Gewalt eine sehr spielerische Geschichte. Im größten Teil der Fälle ist es ein spielerisches Ausleben und Hochstilisieren von Gewalt, Unterdrückung, Nachgeben und Hilflosigkeit. Ich habe es noch nie erlebt, daß auf einer S/M-Party jemand blutig geschlagen wurde.
Martin Sprissler
Doch für solche Bands ist es natürlich leichter, in ein Magazin wie "Gothic" zu kommen, weil in der Szene sehr viel über die Optik geht. Manche benutzen diese Mittel sehr bewußt, um ständig präsent zu sein. Das Bild zählt mittlerweile soviel wie die künstlerische Aussage der Band. Sobald die Balance zwischen Bild und Aussage zu Lasten des Bildes kippt, ist es zu angepaßt.
Ecki Stieg
Doch wird diese Oberflächlichkeit durch die Art der Präsentation in den Medien nicht massiv gefördert? Eine Band, die optisch sehr viel zu bieten hat, hat doch bessere Chancen als eine Band, die visuell nicht so viel hergibt...
Martin Sprissler
Daß das Image in der Szene eine Rolle spielt, ist klar. Doch sobald das Image das einzige ist und man gute Musik wegen eines schlechten Pressefotos ablehnen würde, läuft es in die falsche Richtung.
Michael Mertens
Ich denke, man muß immer korrekt über eine Band berichten. Das bedeutet auch, daß man Fotos verwenden sollte, die der Realität entsprechen. Wenn ich z.B. Deine Lakaien porträtieren würde, könnte ich sie ja auch nackt fotografieren, um den Artikel reißerischer zu machen. Doch das wäre nicht das, was die Band will und was sie darstellt. Das wäre Effekthascherei, obwohl sich das Heft wahrscheinlich besser verkaufen würde, wenn sich das rumspricht.
Im Fall der hier kritisierten Umbra Et Imago-Anzeige halte ich es dennoch angemessen, weil sich die Band in dieser Szene bewegt und das auch privat zu einem großen Stück auslebt.
Ecki Stieg
Doch optische Hilfsmittel sind doch unumgänglich. Ich glaube, daß bereits bekannte Bands wie Deine Lakaien oder Umbra Et Imago keine reißerischen Fotos mehr nötig haben. Was ist aber mit den vielen neuen unbekannten Bands? Wer liest sich einen solchen Artikel noch durch, wenn er optisch nicht anreizend präsentiert wird?
Michael Mertens
Trotzdem darf man nichts suggerieren, was nicht da ist. Wenn man ein Bandportrait mit einem Foto anreichert, das mit der Musik und der Szene gar nichts zu tun hat, wird sich der ein oder andere die CD dieser Band unter ganz falschen Voraussetzungen kaufen. Und das wäre Betrug am Leser.
Stefan Herwig
Und findet aber monatlich in allen Independent-Magazinen statt. Irgendein Schrott wird uns als neuer Trend verkauft, optische Hochglanzbands liefern minderwertige Leistungen ab. Die Musik von Bands wie Call oder Gothic Sex z.B. haben mit ihrem Image gar nichts zu tun. Das ist Rock der späten 70er Jahre mit Gothic-Klischees.
Und diese Bands kommen mit dieser Masche immer durch und werden in allen Magazinen abgefeiert ? und es tut mir weh, daß das auf Kosten von subtiler arbeitenden, besseren Bands geht, die einfach ignoriert werden.
Martin Sprissler
Das glaube ich nicht. Ich halte den Leser für mündig. Jeder kann in die CDs reinhören, jeder kann einen Artikel lesen und sich dann sein eigenes Bild machen. Die Szene ist ja so vielseitig, die Flut ist doch enorm. Deshalb hängt es nur von den Bemühungen ab ? und Bands, die mit Pressefotos arbeiten, haben eben bessere Chancen.
Bruno Kramm
"Doch ein großer Teil der Szene konsumiert leider relativ unreflektiert das, was im Moment gerade schick und extrem ist und womit man sich auch innerhalb der Szene wieder abgrenzen kann! Und deshalb wird oft zu Bands gegriffen, die musikalisch sehr schlecht sind. Und wie in jeder anderen Szene auch, gibt es hier mehr dumme als intelligente Menschen. Und die werden eben bedient.
Was sich ? gerade zum Schluß der Diskussion ? wie eine sehr pessimistische Sicht der Dinge anhörte, birgt dennoch viel Wahrheit in sich.
Und gerade beim "7. Wave & Gotik"-Treffen wurde wieder einmal deutlich, daß das wohlige familiäre Gefühl vielen Leuten oft wichtiger ist, als die Musik selbst, es aber gleichzeitig kaum eine andere Szene gibt, die zu soviel Selbstreflexion in der Lage ist. Das haben nicht zuletzt die kritischen Fragen des Publikums während und nach der Diskussion gezeigt.
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